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„Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen - denn Zukunft kann man bauen.“
- Antoine de Saint-Exupery- 

 

Auch wenn diese Tage sehr von Fragen zu Covid-19 geprägt sind, arbeitet die EAK weiter zum Thema Frieden, ob im außenpolitischen Bereich zu Rüstungsexporten und Migrationsabwehr oder zu innergesellschaftlichem Frieden. 

Detlev Besier, Pfarrer in der Arbeitsstelle Frieden und Umwelt der Ev. Kirche der Pfalz, hat hierzu eine Gedankensammlung verfasst:

FRIEDEN

Vor ein paar Tagen verband die Losung der „Herrnhuter Brüdergemeine“ Worte aus Philipper 4, 7:

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren“

mit einem Gedanken aus 3. Mose 26, 6:

„Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke.“

Ein schöne Verheißung und Zusage in schwierigen Zeiten.

Ermutigend ist es, zu spüren, dass noch andere Worte uns berühren können als all die Nachrichten, Szenarien und Schreckensmeldungen dieser Tage.

Das bringt mich zumindest auf drei Fragen:

  1. Wird denn in Syrien noch gekämpft, gestorben, geflüchtet und hat unsere Rüstungsindustrie auch Kurzarbeit angemeldet oder gar geschlossen?
  2. Sind alle Geflüchteten jetzt entweder so untergebracht, dass ihr Recht auf Asyl von aufnehmenden Staaten geachtet wird oder wurde ihnen in ihrem ehemaligen Heimatland ein angst- und gewaltfreies Leben ermöglicht?
  3. Sind endlich alle Anstrengungen zur Erreichung des 1,5 Grad-Zieles (Pariser Klimaabkommen) und dem Zurückfahren von CO2–Emissionen erfolgreich umgesetzt, damit Natur, Artenvielfalt, Menschen auf diesem Planeten überleben?

„Der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft ...“

Bei geschlossenen Kirchen machen sich unendlich Viele, sehr gute, tragende, tröstende, ermutigende Gedanken, die jetzt in Wort, Bild und Musik gestreamt werden, um Menschen zu erreichen.

Milliardenschwere Hilfspakete werden geschnürt, um einen wirtschaftlichen Kollaps zu verhindert. Soziale Kommunikation sucht sich ihren Weg über Briefe, Rufe von Balkon zu Balkon, Stand-Up–Konzerte bei offenem Fenster für die Nachbarschaft. Einer kauft für den anderen ein, eine liest per Telefon einer anderen etwas vor. Es wird geskypt und per Videokonferenz getagt.

Wir haben viele neue Wege gefunden, in Kontakt zu bleiben.

„... dass ihr schlaft und euch niemand erschrecke ...“

Tatsächlich erschreckt es mich nicht mehr, dass nach wie vor Menschen vor Bomben fliehen müssen, Kinder in Flüchtlingslagern elend dahin vegetieren und sterben, kaum ein Insekt in diesen sonniger werdenden Tagen unterwegs ist. Ich sehe die „Corona-Sondersendungen“. Mich übermannen die Zahlen aus Italien, Spanien, Deutschland ... und ich höre, dass an Impfstoffen gearbeitet wird.

Allmählich bekomme ich Angst, nicht vor dem Virus, sondern vor uns Menschen mit unserer Hysterie und dem immer noch funktionierenden Mechanismus auszublenden.

Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass nach der Aufnahme vieler Geflüchteter 2015 nicht der Populismus, völkischer Nationalismus und der mit Faschismus gepaarte Rassismus die Oberhand gewinnen. Ich hoffte so sehr auf Menschlichkeit, Solidarität, Teilhabe und den Willen, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.

Ja, wir hätten viel Geld in die Hand nehmen, wir hätten Ideen entwickeln, unser Wirtschaftssystem dem 21. Jahrhundert anpassen müssen.

Wir hätten ... müssen:

  • Konsequent Waffenexporte kontrollieren und die Verbote durchsetzen
  • Eine emissionsarme, menschenfreundliche Mobilität entwickeln
  • Wirtschaften um des Menschen willen erlernen, das die natürlichen Ressourcen entlastet
  • Gerechte Teilhabe und Solidarität als schulische und gesellschaftliche Lernfelder etablieren
  • Nicht nur beten und hoffen, sondern als Kirchen schöpfungsgemäß handeln

„...wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren...“

Aus diesem Gefühl des Bewahrt-Werdens erwächst ganz bestimmt die Energie, dass wir aus der Bewältigung der Corona-Pandemie lernen, auch für andere Krisen beherzt Veränderungen anzugehen. 

Ja, ich trauere um jeden Toten dieser Epidemie und fühle mit denen, die Angehörige nicht beerdigen können.

Ich habe unendlich großen Respekt vor all jenen, die jetzt die Versorgung auf allen Ebenen ermöglichen.

Gleichzeitig beschleicht mich ein ungutes Gefühl, dass wir über das eigene Betroffen-Sein die Welt mit ihren Problemen einfach vergessen. Und wenn dereinst die Epidemie eingedämmt ist, uns noch viel größere Scherbenhaufen gegenüber stehen:

  • Wenn das Virus in den Favelas, Armenvierteln und Ghettos gewütet hat
  • Wenn Obdachlose, Straßenkinder irgendwo tot verscharrt wurden
  • Der Regenwald fast abgeholzt ist
  • Ethnische Volksgruppen in Grenzgebieten vertrieben oder ermordet wurden
  • Wirtschaftlich nötige Ressourcen unter Weltkonzernen und bestimmten Staaten aufgeteilt sind
  • Die klimatischen Bedingungen irreversibel zerstört, viele Arten unwiederbringbar ausgestorben sind

Ich mache mir große Sorgen, dass der berechtigte Krisenmodus unserer Tage die dahinterliegenden Fragestellungen und Probleme einfach wegschiebt.

In diesem Sinne möchte ich nicht einfach beruhigt einschlafen, weil mich das Virus nicht trifft, das Krisenmanagement der Virolog*innen und Politiker*innen zu greifen scheint.

Wer bis hierher gelesen hat, den und die bitte ich, wachsam und offen zu bleiben für das, was sich neben dem Virus noch entwickelt.

Haltet eure Kontakte z.B. nach Übersee, in andere Länder, zu anderen Gruppen außerhalb der beliebten Wohlfühlblase.

Lest und studiert die vielfältigen Nachrichten, damit ihr nicht Opfer von Verschwörungstheorien und Fake-News werdet.

Verliert eure menschliche Vernunft nicht.

Bleibt und werdet solidarisch.

Die Menschen der so genannten Risikogruppen brauchen uns ebenso wie das Klima, unsere Natur, damit wir in ihr weiterleben können.

Die Menschen am Rande unserer Gesellschaft brauchen uns und vor allem diejenigen, die durch unsere Wirtschaftsweise aus ihrer eigenen Gesellschaft herauskatapultiert wurden.

Wenn wir uns darauf einlassen können, so solidarisch zu sein, ist ein gesundes und gerechtes Leben für alle in dieser Welt möglich. Darauf ruht dieser göttliche Friede, diesem Zustand ist er verheißen.

Ich wünsche mir so sehr, dass dieser Virus uns das lehrt.

Bleibt behütet und gesegnet und vor allem, bleibt gesund.

Detlev Besier

Pfarrer in der Arbeitsstelle Frieden und Umwelt der Ev. Kirche der Pfalz

25.03.2020

detlev.besierATevkirchepfalz.de

 

 

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