Rezension: David Ranan, „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“ Junge Israelis über ihren Dienst in der Armee, Berlin 2011, 271 S.
von Jens Haupt, stellvertretender EAK Vorsitzender und Leiter des Zentrums für Freiwilligen-, Friedens- und Zivildienst der Evangelischen Kirche Kurhessen Waldeck
In den 27 Interviews von David Ranan kommen jungen Frauen und Männer zwischen 18 und 30 zu Wort, die sich zur Wehrpflicht in Israel verhalten müssen. Neben einer kleinen Berufsarmee gibt es die wehrpflichtigen Männer mit drei Jahren, die Frauen mit zwei Jahren Dienstpflicht und obligatorische Reserveeinsätze. Mit dem Jahr 1967 hat sich die Lage grundlegend verändert: „Von Soldaten, die dafür ausgebildet werden, im Krieg zu töten, wird nun erwartet, Besatzungsaufgaben auszuführen. …Die Jugendlichen, die jetzt eingezogen werden, lernten nie ein anderes Israel kennen.“
Das Spektrum der Gespräche reicht von ersten Erfahrungen in vormilitärischen Akademien und dem festen Entschluss bewusst Soldat oder Soldatin zu werden bis hin zu Überlegungen, wie man den Militärdienst ohne großen Aufwand umgehen könne. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen gibt es nicht. Gleichwohl sind die Möglichkeiten, den Militärdienst nicht antreten zu müssen, allen bekannt. Dazu gehört auch das oft erwähnte „Profil 21“, eine Musterungseinstufung, die untauglich zum Militärdienst bedeutet. Stärker als es noch in Deutschland unter jungen Menschen zu beobachten ist, werden die Karrieremöglichkeiten und damit vor allem die besonders herausfordernden Einsätze in Kampfeinheiten in Erwägung gezogen.
Einige Interviewpartner berichten auch von einem Freiwilligendienst. Dieser ist entweder ein Ersatz für diejenigen, die vom Waffendienst freigestellt wurden (religiöse Frauen, arabische Israelis oder für den Militärdienst ungeeignete Personen). Zusätzlich gibt es ein Freiwilliges Soziales Jahr, für das man Aufschub vom Armeedienst bekommen kann. Beide Dienstformen sind ausdrücklich kein Ersatz für das Militär. In den praktischen Tätigkeiten allerdings sind sie vergleichbar mit den Freiwilligendiensten in Deutschland: Aushilfe und Betreuung in Schulen, Jugendvereinen in benachteiligten Vierteln, im Naturschutz.
Ranan benennt mit der wachsenden Bedeutung des Religiösen eine besorgniserregende Entwicklung innerhalb der Armee. So dienen die vormilitärischen Akademien nicht nur als Rekrutierungs- und Selektionsapparate für die verschiedenen Verwendungen und Kampfeinheiten, sie sind ursprünglich vor allem für die Religiösen eingerichtet worden, um sie auf den Dienst als Soldat vorzubereiten und sie in ihrem Glauben und religiösen Lebensstil zu stärken. So wird auch der motivierende und anfeuernde Einsatz der Militärrabbiner vor der Armeeaktion „Gegossenes Blei“ anlässlich der Zerstörung Gazas von jungen Soldaten erwähnt. Inzwischen ist die Hälfte der Offiziere der Kampfeinheiten religiös, nicht zuletzt durch den Einfluss der vormilitärischen Akademien.
Kommt es während des Wehrdienstes bei einzelnen doch zur Entscheidung, einzelne Befehle, den Dienst in den besetzten Gebieten oder gar den Waffendienst ganz abzulehnen, neigt die militärische Führung zur Pragmatik. Oft wird versucht persönliche Absprachen zu treffen, um disziplinarische Strafen zu vermeiden. Ziel ist es, eine öffentliche Grundsatzdebatte zu vermeiden, die nach dem Sinn und dem Recht der Militäreinsätze fragt.
So unterschiedlich die Lage in Israel zu der in Deutschland ist, so ähnlich sind sich junge Frauen und Männer doch in ihren Äußerungen. Roy, 22:„ Ich bin anständig durchgekommen, sogar klüger geworden.“ Daniel, 29: „Einem Land nicht verpflichtet zu sein ist herrlich.“
Im folgenden finden Sie zwei Rezensionen zu den Büchern von Ulrich Finckh die Günter Knebel und Johannes Weissinger verfasst haben.
Soldateneid der Bundeswehr: Kaiser und „Führer“ lassen auch heute noch grüßen Rezension von Günter Knebel, Bremen
Der Klappentext verspricht schlicht eine Sammlung von „Beiträgen zu kirchlichen und politischen Themen“. Zwischen den Buchdeckeln ist aber viel Pointiertes zu lesen und zu spüren, was Menschen bewegt hat, was den Rechtsstaat verbessern und die kirchliche Friedensethik glaubwürdiger machen würde. Die einerseits altersmilde, behutsame Bilanz des inzwischen 84jährigen Kirchenmannes, der an vielen sensiblen Schnittstellen von Kirche und Staat zeitlebens engagiert gewesen ist, enthält an-dererseits gerade deshalb viel Substanz, ja Essenz, die es zukunftsgewandt in Kirche, Gesellschaft und Staat einzubringen, zu beherzigen oder zu realisieren gilt:
Die leider nötige Betonung der Friedensverpflichtung des Grundgesetzes, die mit „kriegerischen In-terventionen in Afghanistan und Jugoslawien missachtet“ wurde und wird. (S.4)
Die stets aktuelle Predigt über das Gebot >Du sollst nicht töten<, das kirchliche Umdeutung zu ver-meintlich gottgewolltem „Heiligen Krieg“ nicht ausschloss und mit der Weisung Jesu zur Feindesliebe zu evangeliumsgemäßer Konsequenz kommt, Konflikte gewaltfrei zu regeln. (14)
Das Memorandum zur Problematik der Wehrpflicht, das in Deutschland auch nach deren Aussetzung aktuell bleibt, weil das Einstellen einer gesetzlichen Praxis noch keineswegs die ihr zugrunde liegen-den „Gefühle und Ideologien“ beseitigt (33): Die aufgezeigte Tradition der Zwangsverpflichtung will durch eine neue „Kultur selbstverständlicher Freiwilligkeit“ erst noch überwunden werden.
So hatte auch das „NS-Erbe Wehrpflicht“ viele Jahrzehnte lang das Grundrecht der Kriegsdienstver-weigerung „unter Kontrolle“ (43): „Viele der vorsitzenden Beamten oder Angestellten der Bundes-wehrverwaltung, aber auch viele Beisitzer kamen noch aus der Wehrmacht. Auch bei den Verwal-tungsgerichten waren viele Richter Soldaten oder gar Wehrmachtrichter gewesen.“ (47) Auch bis ins Bundesverwaltungsgericht reichte der lange Schatten des NS-Regimes, der dafür sorgte, dass genau jene „große pädagogische Wirkung“ verhindert bzw. gemaßregelt wurde, die 1949 im Parlamentari-schen Rat mit diesem neuen Grund- und Menschenrecht verbunden worden war.
Als eine freiheitliche Wahrnehmung dieses friedensethisch aussagekräftigen Grundrechts nach langem Bemühen, an dem der Autor größten Anteil hatte, endlich erreicht worden war, hatte es infolge militärpolitischer Entwicklungen seine Bremskraft gegen die „Entwicklung der Bundeswehr zur Inter-ventionsarmee“ (64) weithin verloren: Der Autor benennt deshalb 12 Faktoren, mit denen einer „krie-gerischen Ausrichtung der Politik“ und einem Missbrauch „der veränderten Bundeswehr“ entgegenge-wirkt werden kann und sollte.
Wie wichtig es ist, auch amtlich vorgetragene Angaben kritisch zu überprüfen, legt der Verfasser in dem Beitrag „Lug und Trug für die Bundeswehr“ (74) dar: Die statistische Manipulation des Bundesmi-nisteriums der Verteidigung mit den Zahlen der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung Ende der 70er Jahre, als der parlamentarische Kampf für eine freiheitliche Regelung dieses Rechtes einen Höhepunkt erreicht hatte, ist für ihn – wie für etliche seiner Mitstreiter – eine eindrückliche Lebenserfahrung geblieben, die zu demokratischer Wachsamkeit und bürgerschaftlichem Engagement ermutigt. Letzte-res verdeutlichen auch die Artikel zur „militärfreundlichen Rechtsprechung des Bundesverfassungsge-richts“ (85) und „zur Problematik soldatischer Eidesleistung“ (104). Diese erfolgt nicht etwa auf die demokratische Verfassung des Grundgesetzes, sondern auf „die Bundesrepublik Deutschland“, die für Soldat/innen vom Bundesminister für Verteidigung oder - im Kriegsfall - vom Bundeskanzler bzw. von der Bundeskanzlerin verkörpert wird. So lassen - etwas zugespitzt - Kaiser und „Führer“ auch heute noch grüßen.
Die weiteren Buchbeiträge des engagierten Theologen stellen nicht nur wichtige Fragen, sondern geben auch Anregungen oder gar Antworten: Zur Wirtschafts-, Gesellschafts- und Medienpolitik wie zu Familie, Erziehung, Religion, zum Bibelverständnis oder zum Umgang mit Tod und Trauer. Gerade weil sie nicht immer und überall den Anspruch auf Fachkompetenz erheben, sind auch die nicht-theologischen Beiträge wohltuend aufklärerisch inspiriert und erfrischend denkanstößig. Auch wer anderer Meinung ist, spürt beim Lesen die Toleranz, die ein erfahrungsreiches Leben vermittelt. Das Buch ist eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte, anregende Lektüre für alle, die an demokratischer, zivilgesellschaftlicher Weiterentwicklung interessiert sind. - - -
Bremen, 2. Januar 2012
Rezension: Ulrich Finckh, Gottes Adoptivsohn. Theologische Skizzen für kritische Leser, Radius-Verlag Stuttgart, 2011 Rezension von Johannes Weissinger, Bad Berleburg
„Manchmal ist es zum Verzweifeln.. Die einen nehmen die Bibel wörtlich und verlangen, dass man alles buchstäblich genau glaubt... Die anderen nehmen die Bibel genauso wörtlich, um sie dann als Unsinn abzutun.“ (S.7) Ulrich Finckh wäre nicht Ulrich Finckh, würde er sich als Theologe und pensionierter Gemeindepfarrer dadurch nicht herausfordern lassen, diesem Missstand auf dieselbe Weise zu begegnen, die ihm als Vorsitzenden der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, der er über drei Jahrzehnte, 1971-2003, gewesen ist, Beachtung verschafft hat: detailkundige Aufklärung über Sachverhalte und Vorgänge und der Mut, Probleme offen anzusprechen und deutlich Position zu beziehen – und das in allgemein verständlicher Sprache.
Wie es der Untertitel des Buches sagt, laden 18 theologische Skizzen kritische Leser zu einem Streifzug durch Einzelfragen des Lebens Jesu (Dreierlei Weihnachten, Wie war Maria Magdalena mit Jesus verwandt? u.a.), des christlichen Glaubensbekenntnisses (Die Allmacht Gottes, Die Erwartung des Weltgerichts u.a.) und der kirchlichen Praxis (Opfer, Gebet, Vergebung und Abendmahl u.a.) ein. Dabei wird Jesus als Mensch seiner Zeit anschaulich. Josef, der Vater Jesu, ist vermutlich früh gestorben. Die Folge: „Der Juniorchef der Baufirma Josef und Söhne wird der Chef der Firma Jesus und Brüder... Dass Jesus diese Aufgabe nicht wahrnimmt, muss die Familie übel nehmen“, auch die Mutter Maria, die im übrigen als „äußerst erfolgreiche Mutter“ und „überaus tüchtige Frau“ dank ihrer Erziehungsleistung ihren besonderen Anteil am Wirken Jesu hat. „Fünf namentlich gekannte und nicht näher genannte Töchter in der damaligen Zeit (erg: allein) aufzuziehen, war keine geringe Leistung... Dass die Söhne zu besonderen Leistungen befähigt wurden, zeigt neben Jesus dessen nächstjüngerer Bruder Jakobus, der ... eine der ´Säulen` der Urgemeinde war.“ (S.30f) Spätere dogmatische Aussagen über Maria (Jungfräulichkeit, Muttergottes) und über Jesus (Zweinaturenlehre, Person der göttlichen Trinität) sind aus der Erzählweise der damalige Zeit (vgl. Plutarch) und dem philosophischen Denken der Griechen historisch zu verstehen – im doppelten Sinn des Wortes -, für unsere Zeit aber unangemessen und oft hinderlich. Finckh ist mit dieser Sicht erkennbar geprägt durch die Forderung seiner Lehrer Rudolf Bultmann und Ernst Käsemann nach Entmythologisierung der biblischen Texte. Es geht Finckh um die Rückgewinnung der Botschaft Jesu, darum, „dass wir nicht seine Person in den Himmel heben, sondern seine Botschaft aufnehmen und mit unserem Leben beantworten und in die Tat umsetzen“. (S.27) In Jesus „tut sich eine neue Welt auf, die nicht durch Macht bestimmt ist“, sondern in der die Bereitschaft zum Verstehen, zum Vergeben, zum Helfen das Miteinander bestimmt. (S.20) Bei den ersten Christen ging es nach dem griechischen Urtext von Apostelgeschichte 9,2 nicht um eine Lehre, sondern um einen Weg. Das sollte auch heute so sein. „Der Weg der Christen und Christinnen ist ein Weg der Freiheit, die es ermöglicht, selbständig zu suchen und zu tun, was den anderen auch über Grenzen hinweg dient.“ (S.53)
Von diesem Weg ist die Christenheit schon früh abgekommen, spätestens seit der Synode von Arles im Jahr 314, auf der ihre Bischöfe einen folgenreichen Kompromiss mit dem römischen Kaiser Konstantin schlossen. „Konstantin verzichtete auf die Einberufung der Geistlichen (erg.: zum Militärdienst) und die Bischöfe versprachen, im Frieden keine Deserteure mehr zu verstecken.“ (S.84) Die Rechnung Konstantin ging auf: „Wenn die christlichen Gemeinden für ihn und seine Politik beteten, würden sie auch seine Politik unterstützen.“ (S.85) Für Historiker mag Konstantin zu Recht der Große heißen, „die Christenheit aber muss sich fragen lassen, ob sie mehr auf die Gewaltpolitik Roms setzen will als auf die Bergpredigt Jesu.“ (S.87) In diesen Zusammenhang stellt Finckh auch die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu, deren „kühne Behauptung“ ist, „dass Hilfsbereitschaft, Gewaltlosigkeit und Leiden bis zum Tod am Kreuz stärker sind als die Macht des römischen Imperiums, das der Generalgouverneur Pilatus repräsentiert.“ (S.8) Um diesen Gegensatz zu markieren, ist die Nennung des Pilatus im Apostolischen Glaubensbekenntnis unverzichtbar. So viel ist jedenfalls klar: der Satz Jesu Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist eignet sich schlecht als theologische Grundsatzerklärung (wozu er in der EKD-Friedensdenkschrift 2007 und in dem Handbuch der Militärseelsorge „Friedensethik im Einsatz“ 2009 leider gemacht wird, Anm. des Rezensenten). Er war „ein geschicktes Ausweichen (erg.: Jesu) vor der Alternative, beim Volk, das gegen die römische Besatzung war, in Misskredit zu geraten, oder bei Ablehnung der Steuer in Konflikt mit der Besatzungsmacht zu geraten.“ (S.88)
Finckhs Buch richtet sich an „kritische Leser“. Damit kann gemeint sein, dass er die Leser, die wie er selbst die Bibel historisch-kritisch lesen, argumentativ stärken will, oder, dass er die Leser, die ihn durch ihr Wörtlichnehmen der Bibel herausfordern, befreien will, die einen von ihrem Vorurteil, die anderen von einem vermeintlichen Glaubenszwang. Und in der Tat: Seine freimütig geäußerte Kritik und seine nüchtern vorgetragene Konzentration auf den einen Punkt, dass Glauben in der Nachfolge Jesu gelebte Gewaltfreiheit und Liebe über Grenzen hinweg meint, stellt sein Buch neben das Buch seines Lehrers Ernst Käsemann „Ruf der Freiheit“, das vor mehr als dreißig Jahren für viele diese befreiende Wirkung hatte, eine Erfahrung im übrigen, die auch Bonhoeffer während seines Amerikaaufenthaltes 1930/32 machte, als er die Entdeckung der Bergpredigt als „große Befreiung“ erfuhr. Drittens kann dieser Untertitel auch signalisieren, dass der Autor selbst offen für Kritik und bereit ist, mit seinen Kritikern zu diskutieren, solange es ernsthaft darum geht, den Glauben als tätige Verantwortung vor Gott und den Menschen zu leben. Der Rezensent etwa kann Jesus nicht mehr als radikalen Gegensatz zu oder als Überbietung des Mose (S.13) sehen. Die Berücksichtigung des Alten Testamentes als Wahrheitsraum des Neuen, so der Titel des ebenfalls 2011 erschienenen Buches des emeritierten Alttestamentlers Frank Crüsemann, würde manche Aussagen Finckhs modifizieren, sein Anliegen im ganzen aber stärken.
Das hier rezensierte Buch Ulrich Finckhs ist zeitgleich mit seinem Buch „Vom heiligen Krieg zur Feindesliebe Jesu. Beiträge zu Rechtsstaat und Friedensethik“ 2011 im Radius-Verlag erschienen. Für die Aufteilung der Beiträge in zwei Bücher trotz inhaltlicher Überschneidungen mag es verlegerische Gründe geben. Dem Verständnis dieser Bücher dient es aber ganz gewiss, auch das jeweils andere mit im Blick zu haben. Denn in der Person Ulrich Finckh kommt eben beides überzeugend zusammen: das sorgfältige Studium der Bibel und das wache Verfolgen politischer Vorgänge. Möge dazu dem jetzt 84jährigen noch einige Zeit Kraft und Ausdauer bleiben.
Bad Berleburg, 13.01.2012

