Kirchen können für Entschärfung des Russland-Ukraine-Konflikts einen Beitrag leisten

Evangelische Friedensarbeit

(04.02.2018) Das Gespräch suchen, Räume für einen Dialog schaffen, Vertrauen bilden, aber auch sich gegenseitig zuhören und wahrnehmen, das könnten Wege sein, die Russland-Ukraine-Konflikt zu entschärfen. Davon zeigt sich Renke Brahms, der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), überzeugt. Dabei könnten und sollten seiner Auffassung nach die Kirchen eine wichtige Rolle spielen. „Wir müssen Betroffene zu Beteiligte machen“, meinte er in Loccum bei der Studientagung der evangelischen Friedensarbeit.

Drei Tage lang ging es bei der Studientagung „Neue Entspannungspolitik – Die Kirchen als friedenspolitische Akteure im Ukraine-Russland-Konflikt“ in der Evangelischen Akademie in Loccum darum, wie der nun schon seit annähernd vier Jahre andauernde Krieg in der Ost-Ukraine deeskaliert werden kann, ob es Möglichkeiten der Entspannung und Versöhnung gibt, vor allem aber auch, welche Rolle die Kirchen dabei spielen oder spielen können.

„Es ist deutlich geworden, wie wichtig es dabei ist, die doch sehr unterschiedliche Situation im Osten Europas deutlich wahrzunehmen“, machte der EKD-Friedensbeauftragte deutlich. Dazu gehöre auch die Rolle der Kirchen in der Ukraine und Russland, aber auch in Deutschland. „Leider ist, auch in der evangelischen Friedensarbeit, der Blick in die Länder des Ostens , dabei derzeit nicht mehr so ausgeprägt. Doch dies ist wichtig“, so Renke Brahms.

Bei dieser Studientagung sei der Wunsch nach Solidarität und Austausch deutlich zu hören gewesen, machte der EKD-Friedensbeauftragte klar. „Wir erlebten hier einen unglaublich wertvollen Austausch“, freut sich Renke Brahms. Und auch, wenn derzeit nur einzelne Facetten für einen Weg zum Frieden in diesem Konflikt zu erkennen seien, so sei es sehr wichtig, dass Loccum dafür einen Raum geboten habe.

Bei der Studientagung in Loccum diskutierten Vertreter russischer und ukrainischer Kirchen gemeinsam mit deutschen Theologinnen und Theologen sowie Vertretern der Konferenz Europäischer Kirchen über die Rolle der Kirchen in diesem Konflikt, evangelische und katholische Theologinnen und Theologen fragten daneben, welche Rückschlüsse sich dabei für das Leitbild des gerechten Friedens ergeben. Bischof Eduard Khegay von der Evangelisch-methodistischen Kirche in Eurasien betonte in Loccum, dass die Mediation, die Vermittlung und das Gespräch zwischen den Konfliktparteien die Rolle der Kirchen ausmache. Und Heikki Huttunen, der Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, unterstrich: „Wir haben es hier mit keinem religiösen Konflikt zu tun, aber die Kirchen könnten ein Teil der Lösung werden.“

Eine wichtige Rolle in den Diskussionen spielte aber auch die Rolle der Zivilgesellschaft für Versöhnung und Entspannung. Akteure zivilgesellschaftlichen Engagements, wie der deutsch-russische Austausch, die Mennoniten in der Ukraine, Bildungs- und Begegnungswerke oder die Kurve Wustrow, informierten über ihre Arbeit. „Wir brauchen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner“, meint Dr. Horst Gorski, der EKD-Vizepräsident. Und Anne Heitmann, Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), betonte: „Es ist wichtig, dass man hier zusammen sitzt und auch zusammen weiterkommen will. Vor Ort wird schon sehr viel weiter gedacht, aber es ist auch eine Herausforderung für das ökumenische Gespräch bei unterschiedlichen Positionen. Dennoch ist es unverzichtbar, miteinander im Gespräch zu bleiben.“

Ein Auslöser für diesen Studientag war das Berliner Memorandum „Sicherheit neu denken – Wege des Friedens in Europa“, das während des Deutschen Evangelischen Kirchentages im Jahr des Reformationsjubiläums in Berlin verabschiedet wurde. In diesem Papier wird dafür plädiert, Sicherheit in Europa neu zu denken und dabei auch Russland einzubeziehen. Das Memorandum wurde in Loccum sehr kontrovers diskutiert. „Aber genau das war ja auch damit beabsichtigt, es sollte ein Gedankenanstoß zur Diskussion, kein fertiges Positionspapier sein. Und das ist offenbar auch gelungen“, zeigte sich Horst Gorski überzeugt. Doch Anne Heitmann gab auch zu bedenken: „Bei dem Ziel, Sicherheit in Europa neu zu denken, stehen wir noch am Anfang.“

„Loccum hat gezeigt, dass es wichtig war, dieses Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Es waren kompetente und beeindruckende Gesprächspartner, die hier zusammenkamen und uns wichtige, auch neue und bisher unbekannte Einblicke in diesen Konflikt gaben“, so der EKD-Friedensbeauftragte.  Es sei deutlich geworden, dass es eine militärische Lösung hier nicht gebe, dass aber ein zivilgesellschaftliches Engagement und die Unterstützung von entsprechenden Initiativen vor Ort mit dazu beitragen könne, den Konflikt zu deeskalieren, ist Renke Brahms überzeugt. Aber es seien auch Fragen offen geblieben, beispielsweise nach einer neuen Entspannungspolitik auch gegenüber Russland oder die Frage nach dem Einsatz militärischer Gewalt, die weiter diskutiert werden müssten, meinte der EKD-Friedensbeauftragte. Aber dafür sei Loccum ein wichtiger Ansatz gewesen, fügt er hinzu: „Wir nehmen von hier viele wichtige Anregungen und Gedanken mit.“
(Dieter Junker)